Auf vielfachen Wunsch hat Kai Blank noch einen zweiten Teil seiner Donaureise im Jahre 2016 geschrieben.

Wenn ich noch etwas berichten könnte nach der Frage, wie man eigentlich von Frankfurt hin und von Belgrad wieder zurück kommt (DSW12 Nachrichten vom Dezember 2016), dann sind es die Zeltmöglichkeiten an der Donau. Die  Befahrung in Bayern und Österreich im Jahr 2015 (Ulm – Bratislava, 740 km in 13 Tagen) war in soweit unspektakulär, als man in beiden Ländern immer genügend Übernachtungsplätze finden kann. Ich hatte damals sechsmal an einem Kanuclub, 4 mal auf einem Zeltplatz und 3 mal wild gezeltet. Bei der Fahrt 2016 ab Wien änderte sich die Situation. In Bratislava konnte ich noch beim Klub Kanoistiky zelten und dabei Dusche und Küche benutzen. In Ungarn habe ich sogar einen „richtigen“ Campingplatz mit abgeteilten Plätzen, Restaurant und modernen Sanitäranlagen gefunden. Worauf ich aber nicht vorbereitet war, und was beim Durchblättern der entsprechenden Seiten im Kanuführer vorher nicht deutlich wurde, dass ich auf den 745 km bis Belgrad nur noch einen weiteren Campingplatz finden konnte. Dreimal waren die Plätze noch erkennbar, aber kein offizieller Betrieb mehr vorhanden.

Eine nette Camperin in Backa Palanka (Serbien) erklärte mir, klar kannst du hier zelten, wir kommen jedes Jahr zum Sommerurlaub hier her. Der Wasserhahn ist dahinten, und die Toiletten in der Kneipe etwas weiter. Baden kannst du ja auch in der Donau. Und dann hat sie noch auf mein Zelt aufgepasst, während ich mit dem Taxi, was sie mir gerufen hat, zur Grenzpolizei unterwegs war. Denn neben fehlendem Strom und Wasser gibt es ein Problem, wenn man alleine unterwegs ist: wer paßt auf?

Auf einem anderen Platz am Strand 7 km vor Mohacs (Ungarn) gab es kein fließendes Wasser, dafür aber eine skurile Toilette, gebaut aus einer Palette als Fußboden, 4 Dachlatten und etwas farbiger Plastiktischdecke. Den Platz habe ich gefunden, weil er im Kanuführer erwähnt wurde und dort 2 bis 3 Zelte zwischen den Bäumen hervor leuchteten. Überaus praktisch an der Toilette war die kunstvolle Regenabdeckung für die Klopapierrolle, da es ab 22 Uhr nachts ununterbrochen regnete. Wasser zum Spülen stand im Eimer bereit, den man nach der Nutzung im Fluss wieder nachfüllen sollte. Trinkwasser gab es von einem Ehepaar, was sich scheinbar irgendwie für den Ort verantwortlich fühlte. Sie holten einzelne Wasserflaschen aus einer alten Kühltruhe, die nicht mit Strom, sondern mit eingefrorenen Wasserflaschen gekühlt wurde. Der Mann erläuterte mir in gebrochenem Englisch und Zeichensprache, dass er immer mal von zuhause neue Flaschen mit eingefrorenem Wasser holt, um die Truhe zu kühlen. Darin hatte er selbstgemachte Wurst und selbstgebrannten Schnaps, der nicht schlecht war. Als der Regen am nächsten Morgen gegen 11 Uhr etwas nachließ, hab ich abgebaut und bin nach Mohacs gefahren. Ich musste dringend einkaufen und hätte eine Steckdose zum Aufladen gebraucht. Das Boot habe  ich dort im Ruderverein liegen gelassen, obwohl kein Mensch da war. Der Regen hatte aber wieder so zugenommen, dass er beim Fußweg zum Supermarkt oben in die Hose rein und unten wieder raus lief. Die Paddeljacken sind einfach zu kurz. Immerhin war der Supermarkt gut sortiert und geheizt. So konnte ich meine Vorräte auffüllen und mich etwas aufwärmen.

Der Regen an der Donau in diesem Juli 2016 war scheinbar ziemlich heftig, was ich eigentlich nur daran erkannt habe, dass die Möglichkeiten, wild zu zelten nach und nach alle untergingen. Ich bin gefühlt 10 Tage durch einen überschwemmten Auenwald gefahren. Einmal hab ich auf einer Sandnase übernachtet. Abends war das Wasser 100 m weg, am nächsten Morgen nur noch 5 m. Zum Glück hatte ich das Boot ganz bis ans Zelt hoch getragen.

Ein anderes Mal musste ich wild zelten, weil ich im Städtchen Apatin in Serbien, bekannt für sein leckeres Jelen Bier, keinen Zeltplatz finden konnte, wo ein TID-Platz sein sollte. So blieb nach längerem Suchen nur eine total nasse Grasfläche im Mücken-Nationalpark, nein der heißt Kopacki-Nationalpark im Draudelta. Es gibt dort angeblich europäische Schakale, ich hatte aber mehr mit den für Menschen weltweit gefährlichsten Tieren –  den Malariaüberträgern –  zu tun. Beim Zeltaufbau gings ja noch. Das Zelt zu verlassen, hab ich mir gar nicht erst vorgenommen. Kochen kann man ja auch drinnen, bei Regen sowieso. Aber der Abbau am nächsten Morgen war einfach schlimm. Wenn man im Zelt alles zusammen packt und dann einmal so viel wie möglich zum Boot trägt, dann weckt man alle Mücken, die sich nachts unter dem Außenzelt gesammelt haben. Und dann kommt unweigerlich der Moment, wo man noch einmal kopfüber ins Innenzelt tauchen muss, um den Rest der Sachen zu holen. Ich bin glücklicherweise nicht so empfindlich. Die Schwellung an der Lippe ging im Laufe des Vormittags zurück.

Der Regen dann auch. Und am nächsten Ziel, dem kroatischen Grenzort Vukovar dachte ich, mit dem Ruderverein einen sicheren Hafen anzulaufen. Leider war dort am Sonntag Nachmittag niemand zu finden. Es gab auch keine Telefonnummer, wie bei unseren Vereinen. Und drum herum nur Beton statt Rasen. Wie ich später in Belgrad beobachten konnte, sind die Rudervereine in Serbien wochentags ab 7:30 engagiert dabei, den Schulsport durchzuführen. So bleib mir an diesem Sonntag nur ein kleines, modernes Hotel in der Nähe des Hafens, wo ich endlich eine Steckdose, die ersehnte heiße Dusche, ein Waschbecken zum Wäschewaschen und sogar ein geheiztes Badezimmer zum Trocknen gefunden habe. Vukovar ist ein Muss für alle Nationalisten. Dort werden auch  20 Jahre nach Ende des jugoslawischen Krieges die zerschossenen Monumente des Wahnsinns erhalten: ein durchlöcherter Wasserturm, ein zerstörtes 70er Jahre Hotel neben vielen Privathäusern mit Einschüssen mitten in der Stadt. Ich will das Leid der Bevölkerung überhaupt nicht in Frage stellen, aber die Konservierung der Schäden ist irgendwie bedrückend. Um dem Ganzen mehr Sinn zu geben sollte die EU nicht nur die Renovierung des Schlossmuseums finanzieren, sondern den Menschen aus den neuen, national-egoistisch eingestellten Parteien eine Reise nach Vukovar finanzieren. Nur so zur Anschauung. Die heutige EU-Außengrenze war mal nichts anderes als eine Grenze zwischen zwei Bundesländern.

Während in Vukovar die Erinnerungen an eine schlimme Zeit gepflegt werden, strahlte die serbische Großstadt Novi Sad etwas ganz anderes aus. Ganz viele junge Leute, Familien mit Kindern und ein aufstrebendes, nach Leben gieriges Land mit Cafés, Bars und Kaufhäusern. Die von der Nato zerstörten Brücken sind alle wieder aufgebaut. Dort fand ich eine Übernachtungsmöglichkeit in einem Yachtklub, wo Boot und Zelt schön sicher hinter einem Zaun blieben, während ich die große Festungsanlage Petrovaradin, ab 1692 erbaut von Vauban als Bollwerk gegen die Türken und die bezaubernde Stadt besichtigen konnte.

 

Am Ende der Reise beim Nauticki Club Beograd gab es leider keinen Zaun, so dass ich Boot und Zelt während meiner Ausflüge in die Stadt allein lassen musste. Ungewöhnlich war die Außendusche an der Savepromenade, die ich aus nahe liegenden Gründen nur morgens ganz früh benutzt habe. Dafür war das Vereinslokal vorzüglich bewirtschaftet und der Oberkellner hatte einen Taxi fahrenden Nachbarn, der mich nach zwei Tagen Aufenthalt mit dem Kajak zum Flughafen gebracht hat. Gestaunt habe ich nur über den aus zwei dünnen Latten selbst gebastelten Dachträger. Improvisation ist alles.

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