Blumen pflücken während der Fahrt verboten

Eine Tour durch Hollands Tulpenfelder

Wir wurden schon wie alte Freunde empfangen in Haarlem. Kein Wunder, denn bereits zum sechsten Mal war eine Delegation des DSW zu Gast in der vor den Toren von Amsterdam gelegenen Stadt, um an der alljährlichen, von der Haarlemse Kano Vereniging organisierten „Bollentocht“, der Blumenzwiebel-Rundfahrt teilzunehmen. Die Geschäftsführerin der HKV, Gerdien van Spaandonk, begrüßte uns herzlich im Vereinsheim, wo unter vielen Plaketten und Urkunden seit 2007 auch der Vereinswimpel des DSW hängt. Anschließend machten wir uns auf zu einem kleinen Lokal in der verwinkelten Altstadt, wo uns unter dem Motto „Alles Käse“ ein phantastisches Käsefondue serviert wurde, das alleine schon die weite Anreise gerechtfertigt hätte.

Etwas kühl war es zwar noch Ende April, und der Wetterbericht machte auch keine Hoffnung auf angenehmere Temperaturen, aber dennoch hatten sich über hundert Teilnehmer aus den Niederlanden, Belgien, und Deutschland zur 68. Bollentocht eingefunden, darunter auch wir sechs vom DSW. Dicht gedrängt standen Zelte und Wohnwagen auf dem kleinen, direkt am Wasser gelegenen Platz der HKV, der ein kleines Hafenbecken umschließt. Hier sammelte sich am Samstagmorgen die bunte Flotte der Paddler. Vom gemütlichen Einer über Zweierboote, Kanadier, Faltboote bis hin zu schnellen Seekajaks war alles vertreten.

Für den ersten Tag stand zunächst die „Molentocht“, die Mühlenrunde auf dem Programm, die nach Norden, vorbei an zahlreichen Windmühlen in einem Bogen zurück nach Haarlem führt. Als die Flotte kurz vor zehn Uhr Aufstellung nahm und Gerdien mit ihrer großen Flüstertüte das Zeichen zum Start gab, zeigte sich sogar ein bisschen Sonne am Himmel. Auch wenn es bei dieser Fahrt nicht um Schnelligkeitsrekorde geht, paddelten einige Ehrgeizige drauflos, als gelte es, die Mühlen im Eiltempo abzuhaken. So zog sich das Feld denn auch innerhalb kürzester Zeit in die Länge. Wir ließen uns Zeit, um die Grachten und die Polderlandschaft mit ihren zahlreichen Windmühlen zu genießen. Inzwischen hatte es aufgeklart, so dass wir bei einer ersten Rast in einem alten Fort außerhalb von Haarlem ein sonniges Eckchen fanden. Unser Fahrtenleiter Reinhard, für den die Niederlande sozusagen die „zweite Heimat“ darstellen, erklärte uns die Bedeutung dieser Forts. Im 19. Jahrhundert erbaut, sollten die etwa 50 in einem 135 Kilometer langen Ring um Amsterdam liegenden Festungen die Stadt schützen. Diese Anlage, bekannt unter dem Namen „Stelling van Amsterdam“ gehört seit 1996 zum Weltkulturerbe. Die Besatzungen hatten die Aufgabe, bei Gefahr die Dämme zu sprengen und damit das Land unter Wasser zu setzen, um ein Vordringen der Feinde auf die Stadt zu verhindern. Aber wir kamen ja als Freunde, und so empfingen uns die netten Wirtsleute des inzwischen dort eingerichteten Restaurants mit einem wärmenden Kaffee. Im Windschatten der mächtigen Mauern ließ es sich gut aushalten. Doch wir wollten ja keine Kaffeefahrt veranstalten. Also zurück aufs Wasser.

Der anfangs schmale Kanal durch Haarlem hatte sich immer mehr verbreitert. Vorbei  an Lagerschuppen und modernen Wohnhäusern mit Bootsplatz vor der Tür war er inzwischen in eine seenartige Landschaft übergegangen. Hier hieß es, gegen den nach wie vor kräftigen Wind anpaddeln, der zum Glück nachließ, als wir uns auf unserer Tour wieder Richtung Süden wandten. Nachdem wir uns noch einmal am Fuß einer mächtigen Windmühle gestärkt hatten, ging es auf zur letzten Etappe, wo erneut ein kräftiger Wind blies. Leider in die verkehrte Richtung, sonst hätten wir zurück nach Haarlem segeln können. So mussten wir noch einmal die letzten Reserven locker machen.

Nach einem kräftigenden Grillbüfett, das die Gastgeber von der HKV angerichtet hatten, folgte ein weiterer Höhepunkt der Fahrt: der Blumencorso. An diesem Wochenende bewegt sich jedes Jahr ein langer Zug von etwa einhundert herrlich geschmückten Prachtwagen auf einer Strecke von Noordwijk bis Haarlem durch die Blumenfelder. Tausende Besucher säumen die Straßen. Als der Zug abends in Haarlem eintraf, standen natürlich auch wir am Straßenrand und bestaunten die Blumenkunstwerke.

Am nächsten Tag folgte dann auch für uns die eigentliche Blumenzwiebelfahrt. Die Strecke führte zunächst auf verwinkelten Grachten durch Haarlem und weiter nach Süden. Hier reihen sich kilometerweit die Blumenfelder aneinander, nur unterbrochen von Gehöften und Hallen, in denen die Blumenzwiebeln für den Export gelagert werden. Auch wenn mittlerweile ein großer Teil des Geschäfts mit Schnittblumen gemacht wird, erzielen die holländischen Pflanzer doch einen größeren Teil ihrer Einnahmen mit dem Verkauf der Blumenzwiebeln, die hier im industriellen Maßstab geerntet werden. Die fruchtbare Polderlandschaft ist durchzogen von unzähligen Kanälen, die für Paddler ein Paradies darstellen. Ohne die ausgeklügelten Wegweiser wäre man allerdings nach kurzer Zeit in dem Labyrinth verloren.

Auch wenn die Sicht auf die Blumenfelder vom Boot aus naturgemäß etwas eingeschränkt ist, war der Anblick gewaltig. Millionen von Tulpen, Hyazinthen und Narzissen in allen Farben erstrecken sich so weit das Auge reicht. Der Duft ist unbeschreiblich. Je näher wir dem bekannten „Keukenhof“ kamen, desto dichter wurden auch die Reihen der Wohnmobile, der Fahrradfahrer und der Ausflugsboote, mit denen die Besucher dieser Touristenattraktion durch die Kanäle schippern. Auch wir wurden beim Passieren des Keukenhofs in unseren Kajaks als Attraktion bestaunt und sind seitdem auf Hunderten von Schnappschüssen asiatischer Weltreisender verewigt. Gerne hätten wir uns einen großen Strauß der bunten Pracht zusammengestellt, aber das Aussteigen in den Kanälen mit ihren steilen Ufern gestaltet sich eher schwierig. Schließlich hatten wir doch eine geeignete Stelle für unser Picknick gefunden und konnten von Land aus unsere Blicke über die Blumenfelder und die Blechlawine auf dem Parkplatz schweifen lassen, während wir genüsslich die eingekauften regionalen Käsespezialitäten probierten. 

Die ganze Runde von Haarlem bis zum Keukenhof und wieder zurück umfasst immerhin 35 Kilometer. Daher hatte sich das ganze Feld nach kurzer Zeit bereits ziemlich auseinandergezogen. Wir ließen uns Zeit, genossen die Sonne und die bunte Pracht samt ihrem betörenden Duft. Gegen Nachmittag erwischte uns dann doch noch das befürchtete Unwetter. Aber gut verpackt unter der Spritzdecke überstanden wir auch den Hagelschauer unbeschadet und kamen kurz vor 18 Uhr wieder in Haarlem an. Dort wartete man bereits sehnsüchtig auf uns. Obwohl wir als Letzte des Feldes eintrafen, bekamen auch wir als erfolgreiche Bollentocht-Paddler die alljährliche Erinnerungsgabe des Haarlemer Kanuclubs überreicht. Dieses Jahr bestand sie aus einem kleinen Beutel, in dem sich eine Mütze samt Schal und Handschuhen befanden. Man rechnet wohl auch im nächsten Jahr mit eher kühleren Temperaturen. Egal, wir sind jedenfalls wieder dabei.

Johannes Kollmann    

 

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