All you can eat

Bereits zum vierten Mal bot die Wassersportabteilung des DSW Jugendlichen die Möglichkeit zur Teilnahme an einer Kanufreizeit in den Sommerferien. Auch in diesem Jahr war das Interesse groß, und so machten sich zu Beginn der hessischen Sommerferien im Juli fünfzehn Jungen und Mädchen zwischen 13 und 17 Jahren zusammen mit drei Betreuern auf den Weg nach Dalsland in Südschweden. Dort, an der Grenze zu Norwegen, wollten sie zehn Tage lang mit ihren Kanus das Leben in der Einsamkeit der schwedisch-norwegischen Gewässer genießen. Sich im Boot von Insel zu Insel in dem riesigen Seengebiet zu bewegen, sein Zelt jeden Tag in einer der paradiesischen Buchten aufzustellen und am offenen Feuer zu kochen, versprach echtes Trappergefühl. Und nicht wenige der Jugendlichen fragten sich angesichts von so viel Einsamkeit, ob sie es wohl aushalten könnten, zehn Tage ohne Handy und Internet auszukommen. Um es vorwegzunehmen: Niemand hat sein Smartphone vermisst, und einige empfanden es sogar als wohltuend, nicht ständig auf irgendwelche Mails antworten zu müssen und einfach mal eine Weile „offline“ zu sein. Vielleicht ist das einigen Eltern sogar schwerer gefallen als ihren Kindern.

Bereits beim Kennenlern-Wochenende Mitte Juni gab es neben einem Kanu-Einführungskurs erste Wildlife-Instruktionen. Wie verpflegt man sich? Wie und womit macht man Feuer, wenn es regnet? Welches Zelt nehme ich mit? Werden mich die Mücken auffressen? Da drei der jugendlichen Teilnehmer bereits zum zweiten Mal mit dabei waren, konnten diese „Alten Schweden“ von ihren Erfahrungen berichten und Tipps zur richtigen Ausrüstung geben.

Und dann ging es los: Mit zwei Bussen fuhren wir am 17.6. nach Dänemark, nahmen die Fähre nach Schweden und kamen gegen Mittag in Lennartsfors nordöstlich von Göteborg an. Hier beluden wir unsere Canadier und teilten uns auf die Boote auf. Immer zwei oder drei Paddler plus Gepäck, das, wie wir feststellten, doch recht umfangreich war. Allein die Lebensmittelvorräte hätten schon fast einen mittleren Lastkahn ausgefüllt. Dazu zwei große Kochtöpfe, Zelte, Luftmatratzen und, nicht zu vergessen, unzählige Rollen Klopapier. Achtzehn Leute machen schließlich eine Menge Mist. Frage einer Teilnehmerin: „Warum eigentlich nur dreilagiges“?

Nachdem diese erste logistische Meisterleistung vollbracht war, konnten wir in See stechen. Zunächst ging es auf dem See Foxen ein Stück nach Norden. So wie immer die nächsten Tage, steuerten wir einen der von Rangern ausgewiesenen Rastplätze an, die mit einer Feuerstelle, einem „Donnerbalken“ und manchmal auch einer offenen Hütte ausgestattet sind. Sie liegen in einsamen Buchten, auf kleinen Inseln oder Landzungen mit Blick über den See. Bald hatte jeder gelernt, worauf es nach dem Anlanden ankam: Schnell einen schönen Platz für das Zelt suchen, mit Aussicht, nah am Strand und möglichst nicht in „Duftweite“ des  kleinen grünen Klohäuschens, das immer zuerst inspiziert wurde, um daraus eine Klassifizierung des jeweiligen Platzes abzuleiten. Chiara, unsere „Klo-Fachfrau“, rümpfte nach derartigen Besichtigungen bisweilen die Nase: „Da verkneife ich es mir lieber“ oder lobte norwegische Toilettenhäuschen: „Echt der Hammer! Da kann man es sich richtig gemütlich machen.“ Dass der richtige Zeltaufbau nicht immer gelingt, merkte man meistens daran, dass nach einem Regenguss die Plane schlaff im Wind flatterte, weil die Heringe in dem felsigen Boden nicht gehalten, oder ein spitzer Stein unter der Bodenplane einen die ganze Nacht geärgert hatte. Eugens Zelt erinnerte eher an ein Mahnmal, nachdem eine der Stangen gebrochen war. Aber immerhin hielt es bis zum Ende durch.

Bei der „Trollinsel“ überquerten wir die Grenze zu Norwegen, markiert durch einen großen gelben Steinturm. Unsere Strecke führte nun südwärts über den riesigen Stora Le. Auf dem ca. 80 Kilometer langen und stellenweise sehr breiten See können sich bei stärkerem Wind hohe Wellen aufbauen. Wir hatten Glück und den leichten Wind sogar meistens im Rücken.

Das Wetter meinte es gut mit uns. Und so schloss sich an die tägliche Paddelstrecke von drei bis fünf Stunden meist ein ausgelassenes Badevergnügen an. Kleine Inseln im Umkreis wurden erschwommen, ausgiebige Schönheitspflege betrieben und Sonnenbäder auf den Felsen ringsum genossen. Einige unserer „Holzfäller“ durchstreiften anschließend mit Axt und Säge die nähere Umgebung des Lagerplatzes auf der Suche nach Brennholz. Hier und da machte der Suchtrupp unter Führung von Axel und Jonas einen morschen Baum aus, der gefällt und anschließend zu Kleinholz verarbeitet wurde, eine Tätigkeit, die nicht nur Kraft, sondern auch einiges an Erfahrung erfordert. Zu ungekrönten Holzhackerkönigen entwickelten sich hierbei Bo und Bjarne. Aber auch die Mädchen versuchten sich bei diesem sportlichen Wettkampf, und so zersägten Michelle und Chiara unter lauten Anfeuerungsrufen der Jungen einen Stamm in handliche Stücke.

Dass sich mit Holz alleine schlecht Feuer machen lässt, merkte jeder spätestens dann, wenn es nachts geregnet hatte. Also mussten dürre Zweige, Flechten oder Kiefernzapfen gesammelt und kunstvoll aufgeschichtet werden, um ein brauchbares Feuer für unseren Kessel zu entfachen. Dieters Feuerkünste wurden hierbei allgemein bestaunt, und schon nach kurzer Zeit dampfte das Wasser, das wir immer, etwas vom Ufer entfernt, aus dem See schöpfen konnten.

Paddeln macht hungrig. Daher lautete eine wichtige Frage: „Was gibt es heute zu essen?“ Wie gut, dass unser großer Topf immer genug hergab, um alle satt zu machen. Wenn das geschehen war, fanden sich meist noch Lukas, Felix oder Steffen, die unter gutem Zureden kurz vor dem Platzen noch die letzten Reste auskratzten. „All you can eat“, hieß das. Wenn der Topf so richtig leergekratzt war, gestaltete sich auch der Abwasch im See einfacher. 

Trotz der eingeschränkten Bedingungen der Wildnis war unser Speiseplan erstaunlich vielseitig und bezog mitunter das ein, was uns der Wald zusätzlich gratis lieferte. Mal waren es geheimnisvolle Pilze, die Dieter fachmännisch zubereitete und im Eintopf servierte. Da er behauptete, sie erzeugten Halluzinationen, waren einige recht zögerlich beim Probieren. Wir haben es jedenfalls alle überlebt. Dann wieder gab es Plätze, die umgeben waren von prallvollen Himbeersträuchern, und wer wollte, konnte sein morgendliches Müsli mit Heidelbeeren anreichern, die es in Hülle und Fülle gab. So lernte mancher, dass die Natur allerhand Essbares für uns bereit hält – man muss es nur kennen. Selbst Can merkte, dass man sich auch anders ernähren kann als mit Pizza und Kebap.

Nach fünf Tagen führte uns unsere Paddelstrecke auch zu einer Ansiedlung am Stora Le. Dort sollte es tatsächlich einen kleinen Laden geben. Daher war die Vorfreude bereits groß, als wir uns der Bucht mit den malerischen roten Holzhäusern näherten. Den anschließenden Einkauf im „Landhandel“ wird jeder in Erinnerung behalten. Jedenfalls wurden hier Berge von Süßigkeiten, Coladosen und Chips erstanden. Berit zehrt wahrscheinlich heute noch von den zwanzig Packungen Knäckebrot, die es im Sonderangebot gab.

Dann war schon Halbzeit angesagt, und wir nahmen wieder Kurs in Richtung Norden. Natürlich durften beim Paddeln auch zünftige Seemannslieder nicht fehlen. Anne und Elke probten deshalb immer wieder „Wir lagen vor Madagaskar“. Schallplattenaufnahmen stehen noch aus. Ein sehr schöner Abstecher führte uns in den norwegischen Teil des Sees, von wo aus wir einen Ausflug in das nächste Seengebiet unternahmen. Dazu mussten unsere Boote auf die Kanuwagen verladen, ca. zwei Kilometer über Land transportiert und anschließend wieder eingesetzt werden. Zur Belohnung erwartete uns eine Halbinsel mit beidseitigem traumhaftem Sandstrand. Vanessa und Chiara ließen sich vor Begeisterung im Sand eingraben. So viel Südsee-Feeling in Norwegen hatten sie nicht erwartet. Die kurzen hellen Nächte, Strandleben bis um zehn Uhr abends, phantastische Sonnenuntergänge und ebenso romantische Vollmondnächte am Lagerfeuer waren so ganz anders, als sich viele den hohen Norden vorgestellt hatten. Dazu die rundgeschliffenen Felsen am Ufer, auf denen man im Schlafsack die Nacht verbringen und den Sternenhimmel bewundern konnte. Und überhaupt: die Mücken! Auch sie waren wohl in Urlaub. Gesichtet wurde jedenfalls kaum mal eine.

Das Paddeln war uns inzwischen zur Routine geworden. Meist glitten unsere Boote gemächlich übers Wasser. Doch wenn zwei Mannschaften vom Ehrgeiz gepackt wurden, lieferten sie sich auch mal ein sportliches Wettrennen bis zur nächsten Insel. Wer wollte, konnte auch einmal unser „Schnellboot“, das Kajak, ausprobieren. Dass es bei höheren Wellen gar nicht so einfach ist, darin die Balance zu halten, merkte Max, als er plötzlich kieloben im Wasser trieb. Zum Glück wurde er schnell von den anderen Bootsbesatzungen gerettet.

Eine letzte Nacht auf Getön, der kleinen Insel im Foxen. So langsam machte sich Abschiedsstimmung bereit. Noch einmal hieß es am nächsten Tag Boote beladen. Eine Stunde mussten wir paddeln, um wieder nach Lennartsfors zu kommen, wo unsere Autos standen. Umladen, Boote säubern, Müll entsorgen. Ein kurzer Stopp noch unterwegs beim deutschen Bäcker, der auf einen Schlag alle seine leckeren Müslibrötchen los wurde. Auf der anschließenden langen Autofahrt nach Malmö war dann auch wieder Gelegenheit, mal auf sein Handy zu schauen. Nichts Weltbewegendes. Offenbar hatte sich die Erde auch ohne uns weitergedreht, und es war schön, einfach mal weg gewesen zu sein.

Immerhin wartete noch ein letztes Highlight auf uns. Auf der Nachtfähre von Malmö nach Travemünde sollte es, so hatten Eingeweihte berichtet, für wenig Geld ein Büfett geben, das schon während der ganzen Fahrt die Gemüter beschäftigte. Also rauf auf die Fähre, rein in die Kabine, schnell unter die Dusche, schön machen fürs Bordleben und dann ab zum Büfett. Wahnsinn, was die da alles auftischten! Also zum letzten Mal: All you can eat!!!

Das reichte dann auch bis zum nächsten Nachmittag, als wir wieder in Darmstadt einrollten.

Johannes Kollmann

 

Bildergalerie:

Bild 1: Abendliche Strandspiele

Bild 2: Wer hat noch Platz im Boot? Aufbruch am Morgen

Bild 3: Hunger! Gemeinsames Kochen am Lagerfeuer

Bild 4: Badevergnügen an sonnigen Sandstränden

Bild 5: Zu laut geschnarcht?

Bild 6: Pause auf einsamen Inseln

Bild 7: Inselfeeling!

Bild 8: Aufstehen! Nordische Nächte sind kurz.

Bild 9: Naturburschen am Werk

Bild10: Diese Mann- und Frauschaft war unschlagbar. 

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