Boat People

Wer die schrecklichen Bilder von überfüllten Schlauchbooten sieht, in denen Flüchtlinge versuchen, nach Europa zu gelangen, wird verstehen, warum viele von ihnen so traumatisiert sind, dass sie freiwillig nie wieder ein Boot besteigen wollen. Dennoch hat die Wassersportabteilung des DSW sich schon seit längerem mit der Frage beschäftigt, ob nicht auch wir, dem Aufruf des Landessportbundes folgend, etwas für die Integration von Flüchtlingen tun können. Auf Initiative einzelner Mitglieder, die Flüchtlingsfamilien mit zum Bootshaus brachten, konnten vor allem die Kinder am Wochenende ab und zu ins Boot steigen. Eine erste Möglichkeit, einen größeren Kreis anzusprechen, bot sich beim Schnupperpaddeln Anfang Mai. Zusammen mit ihrer Betreuerin waren an diesem Samstag eine ganze Reihe in Stockstadt untergebrachte Flüchtlinge gekommen, die sich auf den Altrhein wagen wollten. Leider stellte sich schnell heraus, dass ein Teil von ihnen nicht schwimmen konnte und deshalb aus Sicherheitsgründen nicht  aufs Wasser durfte. Die anderen bekamen ein Paddel in die Hand gedrückt und konnten unter Anleitung im Großkanadier erste Kanu-Erfahrungen sammeln. Die Nichtschwimmer winkten vom Ufer aus und machten fleißig Handyfotos, denn solch eine aufregende Aktion musste schließlich dokumentiert werden.

Inzwischen waren bereits zweimal Flüchtlingsgruppen aus Seeheim-Jugenheim mit am Altrhein und hatten ihren Spaß beim Kanufahren. Ein erster Ausflug führte im Kanadier zur Nordspitze, wo sich am Strand der Knoblauchsaue auch Gelegenheit fand, ein kühles Bad im Rhein zu nehmen. Dass ein Boot voller dunkelhäutiger Paddler auf dem Altrhein eher ungewöhnlich ist, merkte man an den staunenden Blicken und den aufmunternden Zurufen der anderen Wassersportler. Jedenfalls gefiel den jungen Männern diese Art der Freizeitbeschäftigung so gut, dass sie gerne wiederkommen wollten. Das konnten sie Ende August tun. Dieses Mal wurde das Kajakfahren geübt. Schon das Einsteigen ins schwankende Boot war nicht so einfach, und so dauerte es auch nicht lange bis zur ersten Kenterung. Kein Problem jedoch, denn alle waren geübte Schwimmer. Nach einer ersten Runde in kleinen Wildwasserbooten ohne Steuer waren einige aber doch etwas frustriert, weil sie sich immer nur im Kreis drehten. Ein zweiter Versuch in Kajaks mit Steuer verlief erfolgreicher. Jetzt konnte man sich besser auf das Drehen des Paddels konzentrieren und dabei gleichzeitig die Richtung halten. So schafften es die „Flusskapitäne“ immerhin bis kurz vor Stockstadt. Abwärts mit der Strömung war die Stimmung dann ganz ausgelassen. Zurück am Bootshaus bei Kaffee und Kuchen fand Lemlem aus Äthiopien für seine Begeisterung die richtigen Worte: „Sehr gut gefällt mir heute!“ So kann Integration gehen.  

 Johannes Kollmann