17. deutsch-russische Freundschaftsfahrt

Alles begann 2003 mit einer Fahrt auf der Wolga bei Samara. 2004 ging es weiter mit unserem Neckar, und in den folgenden Jahren fanden die Begegnungen an geraden Jahreszahlen in Deutschland statt, an den ungeraden in Russland. Unsere russischen Freunde lernten auf diese Weise die Lahn, die Weser, die Elbe, die Saar, den Main, die Altmühl, die Donau, die Saale, die Unstrut und die Pleiße kennen. Für dieses Jahr hatten wir uns die Ruhr vorgenommen. Wir erwarteten 20 Teilnehmer, von denen zwei Familien mit dem Auto anreisten, alle anderen kamen mit dem Flugzeug in Düsseldorf an. Unsere deutsche Gruppe umfasste sieben Personen, alles in allem eine logistische Herausforderung.

1.Tag: Freitag, 10.August

Laden der Boote und Anreise nach Wittenberg

Um zehn Uhr trafen wir uns am Bootshaus: Burkhard, Edith, Werner und Charlotte, Thomas und sein Sohn und ich. Dieter hatte die Fahrt aus familiären Gründen absagen müssen. Edith hatte schon alle Boote rausgelegt, darunter auch die Veteranen RALLE und BARACUDA, beides Zweier. Der Anhänger wurde geladen, die Führung der Gurte mehrfach überprüft, erfahrene Leute waren am Werk.

Nach einer Mittagspause mit Kartoffelsalat und Fleischwurst starteten wir: Thomas und sein Sohn mit ihrem Caddy und Edith und Burkhard mit ihren Hymer fuhren separat, Werner mit dem vollbeladenen Bootsanhänger und ich mit dem Küchenanhänger mit seiner verlängerten Deichsel, der es möglich macht, dass der Viererkanadier RIA kieloben auf den Hänger passt. Ich beobachtete auf der Fahrt zur AB bei Groß Gerau mit Argusaugen die in drei Etagen liegenden Boote auf dem Hänger vor mir, und bei jedem Stopp überprüften wir die Spannung der Gurte.

Im Großraum Frankfurt kamen wir in den dichten Freitag-Mittag-Verkehr, und auch auf der Sauerlandlinie wurde es jedes Mal eng, wenn an den vielen Brückenbaustellen der Verkehr sich auf zwei schmalen Spuren drängte. In Hagen verloren wir viel Zeit durch eine Umleitung, die das Navi nicht kannte, aber gegen 18 Uhr waren wir beim SKI-UND KANUCLUB WITTEN.

Sascha mit Familie und Anadoli mit der Familie seines Neffen waren schon da, sie hatten für die 2000 km von Moskau rund 30 Stunden gebraucht. Thomas und Burkhard hatten ihre Zelte schon aufgebaut, Werner und ich schafften es noch vor Einbruch der Dunkelheit. In der Nacht regnete es, ein Segen für Natur und Mensch nach Wochen mit Temperaturen von 35°.

2.Tag: Samstag, 11.August

Ankunft der mit dem Flugzeug angereisten Freunde – Aufbau des Lagers

Thomas holte die erste Gruppe ab, die gegen zehn Uhr landete, Sascha die zweite, die am Mittag ankam. Zum Flugplatz in Düsseldorf sind es nur etwa 60 km. Den Rest des Tages verbrachten wir mit dem Aufbau des Lagers auf der Wiese unten an der Ruhr, die wir ganz alleine für uns hatten. Zum Grillen konnten wir einen Gasgrill auf dem Platz benutzen. Das war zwar einfach, aber die Würstchen, Steaks und Hühnerbeine lagen in einer großen Pfanne und wurden nicht „gegrillt“.

3.Tag: Sonntag, 12.August

1.Paddeltag: von Witten nach Hattingen

Es war abzusehen, dass es eine ganze Weile dauern würde, um alle Boote aufs Wasser zu bringen, und so fuhren Edith und ich vor, um an der ersten Bootsgasse zu klären, ob wir die Gasse alle fahren können, da in der Flussbeschreibung vor einer Querströmung im Unterwasser gewarnt wird. Wir sahen uns die Gasse an und waren nicht sicher, ob wir hier auch die Anfänger runterschicken sollten. Edith paddelte zu der Einfahrt des Schleusenkanals zurück, um dort auf die anderen zu warten. Wir wollten sichergehen, dass keiner an der Einfahrt vorbeifährt, ich wartete an der Bootsgasse. Die Ampel hatte inzwischen auf Rot geschaltet, da das Wasser für die Schleusung eines kleinen Ausflugsdampfers gebraucht wurde. Deswegen half ich einem Paar beim Umtragen ihres Zweiers. Der Dampfer fuhr aus der Schleuse, ich zog an der Leine. Die Ampel sprang auf Grün, ich fuhr mit meinem KLABAUTERMANN in die Gasse, kam problemlos durch das turbulente Unterwasser, legte mein Boot an Land und lief nach oben. Dabei beobachtete ich drei Einer, die auch alle gut durchkamen. Eigentlich ist es wie Rafting, man kann ja in der schmalen Gasse mit dem Paddel kaum etwas anfangen, und unten muss man sich der Strömung anvertrauen, dabei aber darauf achten, dass man nicht ins Kehrwasser kommt. So winkte ich alle unsere Boote durch, und es ging gut.

Die zweite Bootsgasse einige km weiter war kürzer und hatte unten wenig Wellen. Nachdem auch hier alle gut durchgekommen waren, machten wir auf dem hohen Ufer Picknick. Dort war es schwierig eine Stelle ohne Schafknoddel zu finden. In dem heißen Sommer hatte die Tiere unter de Bäumen Schatten gesucht. Das dritte Wehr des Tages mussten wir neben der alten Schleuse umtragen.

Auch auf den letzten Kilometern dieses sonntäglichen Sommertages lagerten meist junge Leute mit kleinen Kindern und Hunden und allerlei schwimmbaren Plastikteilen am Ufer oder tummelten sich im Wasser. Beim KC-WELPER booteten wir aus und schafften die Boote die steile Böschung hinauf, wo wir sie auf dem Gelände des Vereins bis morgen liegen lassen können.

Während eine Gruppe mit den beiden Autos zu unserem Platz in Witten zurückfuhr, wurden die anderen von Clubmitgliedern mit Kaffee versorgt. Wir warteten auf Sascha, der uns abholte. Irgendwie passten alle in seinen Peugeot Boxer, den er sich zum Womo ausgebaut hat.

4.Tag: Montag, 13.August

2.Paddeltag: KC-Welper – Freie Wasserfahrer Steele

Es regnet! Burkhard und Werner decken unsere Biertisch-Garnituren ab und nutzen dabei den Flaggenmast und einen weiteren Mast zum Spannen einer Firstleine. So sitzen wir beim Frühstück im Trockenen.

Mit drei Autos fahren wir zu unseren Booten. Auch heute fahren Edith und ich vor, um die Treidelgasse zu inspizieren. Die in der Beschreibung als gefährlich eingestufte Bootsgasse wollen wir nicht fahren. Wir lassen unsere Boote im Oberwasser und laufen neben der Treidelgasse zum Unterwasser, wo gerade eine Gruppe aus neun DLRG-Leuten bei einer Übung ist. Wir informieren sie darüber, dass wir mit 15 Booten kommen. Wir lassen unsere Boote in der starken Strömung und den hohen Wellen mit dem Bug voran schwimmen und halten sie mit einer Heckleine. Ich bin noch damit beschäftigt mein Boot aus dem Wasser zu nehmen, als ich es poltern höre. Es ist RIH, Charlottes Boot, sie konnte das Boot nicht mehr halten. Es läuft voll, schlägt um und treibt ab. Serge paddelt mit seinem Zweier zu dem Boot, dessen Heck senkrecht aus dem Wasser ragt, schnappt sich die rote Leine und wirft sie Edith zu, die das Boot an Land zieht. Da kommt noch ein zweites Boot die Gasse herunter, es ist die FLORIDA. Es kann auch geborgen werden. Die Treidelleine war gerissen. Von den neun DLRG-Männern ist nichts zu sehen. Nach all der Aufregung machen wir drei Kilometer weiter Picknick. Die neun DLRGler in voller Montur treiben vorbei, in Rückenlage, entspannt, schulmäßig.

Dunkle Wolken ziehen auf, und noch vor dem nächsten Wehr erwischt uns der Regen. Die Bootsgasse ist problemlos, und im Regen paddeln wir zu unserer letzten Bootsgasse für heute, die etwas flotter ist, aber auch hier kommen alle gut durch. Es donnert und blitzt und regnet in Strömen. Bei den FREIEN WASSERFAHRERN STEELE booten wir aus und flüchten unter die Markise auf der Terrasse des verschlossenen Bootshauses, bei dem wir die Boote lassen können.

5.Tag: Dienstag, 14.August

„Kulturtag“ – Zeche Nachtigall

Zu dem Museumsbergwerk können wir in einer halben Stunde laufen. Ausgerüstet mit weißen Jacken und gelben Helmen folgen wir unserem Führer in einen spärlich beleuchteten Stollen, der stellenweise sehr niedrig ist, was man mitbekommt, wenn der Vordermann mit dem Helm anstößt. Die Flöze links und rechts sind kaum 30 cm stark, es muss sehr mühsam gewesen sein, hier Kohle abzubauen. Als das Licht ausgeht, spürt man, unter welchen Bedingungen die Bergleute gearbeitet haben. Erstaunt hören wir, dass die Zeche schon 1893 stillgelegt wurde, da man damals Probleme hatte, wenn man tiefer als der Grundwasserhorizont ging.

Wieder am Tageslicht, machen wir einen Rundgang durch das Infozentrum. Gekonnt präsentierte Urkunden, Zeitungsartikel, Fotografien, technische Zeichnungen, Modelle, Tonbänder und Videos lassen einen verstehen, wie wichtig die Kohle als Energieträger bis in die 60er Jahre war.

6.Tag: Mittwoch, 15.August

3.Paddeltag: FREIE WASSERFAHRER STEELE – TURNVEREIN KUPFERDREH

Heute haben wir nur eine Bootsgasse, und die erweist sich nach kurzer Inspektion als problemlos. Sie ist breit und liegt trocken, so sieht man die fischgrätenartig angeordneten eisernen Bodenschwellen, die die Strömung mindern und den Booten Führung geben. Kette ziehen - Grün abwarten – einfahren. Ich fahre, alles problemlos. Die ersten kommen, und ein Boot nach dem anderen gleitet nach unten. Es ist unsere letzte Bootsgasse auf dieser Fahrt, wir sind erleichtert.

Die Ruhr wird langsamer und breiter, wir sind im Baldeney See und nehmen beim TURNVEREIN KUPFERDREH an dem langen Steg des Rudervereins die Boote aus dem Wasser.

7.Tag: Donnerstag, 16.August

4. und letzter Paddeltag

Kupferdreh – Kettwig

An dem langen Steg bringen wir die Boote schnell aufs Wasser. Es ist ein wunderschöner Sommertag in einer Urlaubslandschaft, wie sie auch in Bayern sein könnte. Die Fahrrinne für die Ausflugsschiffe ist schmal, und wir halten uns außerhalb der Betonnung. Wir sind nicht allein, eine Gruppe von Stand –up- Paddlern ist am Üben, Segler kreuzen unseren Kurs, Einzelpaddler und Ruderer sind unterwegs, und am Ufer liegt ein Kanu-, Ruder- oder Segelclub am anderen. Noch vor der Staumauer finden wir bei einem Kanuclub als DKV-Mitglieder freundliche Aufnahme und machen unser Picknick.

Die Umtragestelle an der Staumauer könnte nicht besser sein: Alugitterstege, Geländer, eine Unterführung wie in einer Tiefgarage, für den Einsatz unserer Bootswagen ideal. Da es etwa nur 100m vom Oberwasser zum Unterwasser sind, tragen einige die Boote. Auf den letzten sechs Kilometern herrscht reger Betrieb auf dem Wasser. Edith und ich haben Mühe die Spitze zu verteidigen, aber wir wollen verhindern, dass jemand an der Ausbootstelle vorbeifährt. Ein Touran bringt die fünf Autofahrer nach Kupferdreh, und die freundliche Taxifahrerin lotst unseren Konvoi auf der Rückfahrt ein gutes Stück durch die Stadt. Wir laden den Bootsanhänger für die Heimfahrt, und über den Ruhrschnellweg geht es zurück zu unserem Platz.

8.Tag: Freitag, 17.August

Kulturtag: Heinrichshütte in Hattingen

Wir sind nur wenige, die zur Heinrichshütte in Hattingen fahren und über endlose Gitterroste und Treppen den kirchturmhohen Hochofen besteigen. Auf dem Weg nach oben betrachten wir Fotos von ehemaligen Arbeitern und lesen die Texte, in denen sie aus ihrem Alltag und von Arbeitsunfällen berichten. Wie schon in der Zeche Nachtigall wird einem bewusst, wie schwer die Menschen in den 60er Jahren ihren Lebensunterhalt verdienen mussten.

Mittagspause machen wir auf der Rückfahrt im Hof des Wasserschlosses HAUS KEMNADE, in dem ein Standesamt untergebracht ist. Kellner schleppen stapelweise Teller heran, um gleich zwei Hochzeitsgesellschaften zu bedienen. Wir genießen Waffeln mit Eis, Kuchen, Kaffee und Quitten- und Rhabarbersaft.

Am Abend laufen wir von unseren Zelten zu einem italienischen Restaurant, wo wir alle an einem langen Tisch im Freien Platz finden und uns über die großen Platten mit Antipasti freuen.

9.Tag: Samstag, 18.August

Heimfahrt

Thomas und Sascha übernehmen die Fahrten zum Flughafen in Düsseldorf. Sascha packt sein Wohnmobil für die lange Heimfahrt, die er morgen an der Moldau unterbricht, wo er an einem Slalomwettbewerb teilnehmen will.

Der Küchenanhänger ist gepackt, der Kanadier liegt kieloben darauf. In meinem Passat habe ich die schweren Zeltstangen so weit wie möglich nach vorne geschoben, und auch der Anhänger ist so gepackt, dass man die Deichsel noch anheben kann. Thomas setzt sich neben mich, ich schalte die Automatik aus und lege den ersten Gang ein. Burkhard steht oben an der Straße und kann eventuell vorbeifahrende Autos anhalten. So schaffen wir die steile Auffahrt, ohne dass die Vorderräder radieren. Auch Werner und Edith kommen gut hoch. Nun liegen nur noch fünf Stunden AB vor uns.

Klaus Göbel